Spannungsfeld und Chance: Generationenübergreifend investieren im Zeitalter der KI

Künstliche Intelligenz verändert die Branchen, in denen viele Familienvermögen aufgebaut wurden. Erfahren Sie, wie Familien die nächste Generation darauf vorbereiten, Vermögen in einer sich wandelnden Wirtschaft verantwortungsvoll zu verwalten.

Viele Familienvermögen des 20. Jahrhunderts entstanden in Branchen, in denen sich die Gründer bestens auskannten: Industrie, Gesundheitswesen, Energie, Bau und Immobilien. Heute interessieren sich ihre Kinder und Enkel möglicherweise weit stärker für künstliche Intelligenz und andere neue Technologien.

Für eine Generation, die ihr Vermögen mit diszipliniertem Handeln aufgebaut hat, kann Skepsis gegenüber KI durchaus berechtigt sein. Die Fachsprache wirkt oft fremd, die Bewertungen scheinen sich von traditionellen Massstäben gelöst zu haben, und die lautesten Befürworter machen häufig masslose Prognosen. Das erinnert auffallend an die TMT-Euphorie1 der späten 1990er-Jahre.

Die TMT-Blase platzte zwar an den Finanzmärkten, doch die technologische Entwicklung jener Jahre legte den Grundstein für einen tiefgreifenden Wandel bei der Nutzung und Verbreitung von Technologie in den folgenden zwei Jahrzehnten.

Wer sein Familienvermögen über Generationen hinweg erhalten möchte, muss verstehen, wie technologische Innovation wirkt. Die Chance liegt darin, einen Dialog zu schaffen, in dem die Erfahrung der einen und die Perspektive der nächsten Generation gemeinsam den künftigen Weg der Familie prägen.

KI hält Einzug in die Fabrikhalle

Während sich die Aufmerksamkeit der Mainstream-Medien vor allem auf die Halbleiterhersteller richtet, die KI erst möglich machen, oder auf Unternehmen, die grosse Sprachmodelle entwickeln, bleibt in der praktischen Anwendung noch viel Potenzial zu erschliessen. In der Fertigung dient KI dazu, Maschinenausfälle vorherzusagen, Defekte zu erkennen, Produktionspläne zu optimieren, Abfall zu reduzieren und das Produktdesign zu verbessern. Solche Anwendungen steigern Anlagenverfügbarkeit, Qualität, Arbeitsproduktivität und Margen.

In einem chinesischen Werk für Automobilkomponenten steigerten KI-gestützte Fehlerbehebung und Automatisierung die Produktivität um 60,2 % und senkten die Fehlerquote bei Fertigprodukten um 45,9 %​​.2

Eine Familie, die ihr Vermögen in der Fertigung aufgebaut hat, muss ihr industrielles Erbe nicht aufgeben, um an der Technologiewirtschaft teilzuhaben. KI kann etablierten Unternehmen helfen, ihre Margen zu schützen, die Qualität zu sichern und wettbewerbsfähig zu bleiben – ganz reale Herausforderungen, die sich durch den Einsatz von Technologie lösen lassen.

Das Gesundheitswesen wird zur Technologiebranche

KI findet auch Eingang in die medizinische Bildgebung, Diagnostik, Wirkstoffforschung, Patientenüberwachung und klinische Verwaltungsprozesse. Ihre wachsende Bedeutung im regulierten Gesundheitswesen hat die US-amerikanische Food and Drug Administration3 veranlasst, neue Rahmenwerke zur Beurteilung KI-gestützter Medizinprodukte zu entwickeln.

KI kann alles beeinflussen – von den klinischen Ergebnissen über die betriebliche Effizienz bis hin zur Wettbewerbsposition. Für Familien mit Beteiligungen im Gesundheitswesen gehört es zunehmend zu einer verantwortungsvollen langfristigen Eigentümerschaft, diese Veränderungen zu verstehen.

Die digitale Wirtschaft braucht physische Werte

KI mag immateriell erscheinen, erfordert aber enorme physische Investitionen. Rechenzentren brauchen Land, Chips, Kühlsysteme, Stromerzeugung, Übertragungskapazitäten und spezialisierte Bauleistungen.

Die Internationale Energieagentur schätzt, dass Rechenzentren im Jahr 2024 weltweit rund 415 Terawattstunden Strom verbrauchten, was etwa 1,5 % des globalen Stromverbrauchs entspricht. In den letzten fünf Jahren ist der Stromverbrauch von Rechenzentren jährlich um 12 % gewachsen.​​4

Dieses Wachstum erzeugt Nachfrage in den Bereichen Versorgungsunternehmen, Erdgas, erneuerbaren Energien, Kernenergie, Elektroausrüstung, Ingenieurleistungen, Industrieflächen und Immobilien. Vom aktuellen KI-Technologiezyklus profitieren bereits einige ausgesprochen «traditionelle» Unternehmen weitab vom Silicon Valley.

Weder Ablehnung noch Enthusiasmus ist eine Strategie

Die ältere Generation neigt mitunter dazu, unbekannte Chancen vorschnell als spekulativ oder gar gefährlich abzutun. Der jüngeren kann der umgekehrte Fehler unterlaufen: Technologieaffinität mit Urteilsvermögen in Anlagefragen zu verwechseln.

Ein tragfähigerer Ansatz vereint die Stärken beider Generationen. Manche Familienmitglieder bringen Erfahrung in der Beurteilung von Management, Cashflow, Wettbewerbsvorteilen und Kapitaldisziplin ein. Andere sind mit neuen Technologien, verändertem Konsumverhalten und neuen Geschäftsmodellen besser vertraut.

Gewinnbringend ist ein Prozess, in dem überliefertes Erfahrungswissen und neue Erkenntnisse sich gegenseitig herausfordern.

Der nächsten Generation einen Rahmen geben

Familien können jüngeren Mitgliedern zunächst Verantwortung für einzelne Aufgaben übertragen, bevor sie ihnen die Kontrolle ganz überlassen. Man kann sie beispielsweise damit beauftragen, eine neue Technologie zu untersuchen, eine Investmentthese zu präsentieren oder zu erläutern, wie sich KI möglicherweise auf ein bestehendes Familienunternehmen auswirkt. Die älteren Familienmitglieder können den Vorschlag anschliessend an den bewährten Grundsätzen messen, die die Familie auch in anderen Bereicchen erfolgreich angewendet hat.

Ein Vermögensberater von Corient kann Familien dabei unterstützen, neue Chancen innerhalb eines disziplinierten Investitionsrahmens zu beurteilen und das Urteilsvermögen der einen Generation mit der Perspektive der nächsten zusammenzuführen.

 

Quelle

1 Encyclopedia Britannica, «Dot-com Bubble» (Dot-com-Blase), https://www.britannica.com/money/dot-com-bubble (abgerufen am 10. August 2026).
2 Weltwirtschaftsforum (2025), Global Lighthouse Network 2025: World Economic Forum Recognizes Companies Transforming Manufacturing Through Innovation (Das Weltwirtschaftsforum würdigt Unternehmen, die die Fertigung durch Innovation transformieren).
3 U.S. Food and Drug Administration (FDA). FDA Issues Comprehensive Draft Guidance for Developers of Artificial Intelligence-Enabled Medical Devices (FDA veröffentlicht einen umfassenden Leitlinienentwurf für Entwickler von Medizinprodukten mit künstlicher Intelligenz). Verfügbar unter: https://www.fda.gov/news-events/press-announcements/fda-issues-comprehensive-draft-guidance-developers-artificial-intelligence-enabled-medical-devices
4 Internationale Energieagentur (IEA). Energy Demand from AI (Energiebedarf durch KI). Verfügbar unter: https://www.iea.org/reports/energy-and-ai/energy-demand-from-ai


ÜBER DEN AUTOR

Greg Harris

Greg Harris

Partner

Greg ist Partner in unserem Londoner Büro. Zu seinen Erfahrungen gehören Positionen bei Stonehage Fleming und der Maitland Group. Er verfügt über umfassende Erfahrung in den Bereichen Treuhand-, Rechts-, Vermögensverwaltungs- und Anlagedienstleistungen und berät sowohl zu Vermögenswerten an öffentlichen als auch an privaten Märkten sowie zu breiteren Themen, die ultra-vermögende Familien in Südafrika, Grossbritannien und auf der ganzen Welt betreffen. Greg hat einen Bachelor of Business Science (Hons) von der University of Cape Town und ist CFA zertifiziert.




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